FACHLICHES


Informationen zur Fledermaus-Tollwut
Zusammengestellt von: Dr. Christine Harbusch
Die Fledermaustollwut steht mit der Fuchstollwut epidemiologisch nicht in Verbindung. Sie ist in ganz Europa verbreitet. Im Saarland wurden bislang 3 Fälle von Fledermaus-Tollwut bekannt: 1986 in Ottweiler, 2000 in Differten und im September 2006 in Merzig-Mondorf. Aus diesem aktuellen Anlass scheint es angebracht, die Epidemiologie der Fledermaus-Tollwut, ihre mögliche Übertragung auf den Menschen und seine Haustiere, sowie auf die Belange des Fledermausschutzes einzugehen.

Die Übertragung der Fledermaus-Tollwut erfolgt durch einen Biss, kann aber auch durch infektiösen Speichel zustande kommen, der in Kratz- und Schürfwunden oder auf die Schleimhäute gelangt. Das Tollwutvirus gelangt innerhalb weniger Stunden oder erst kurz vor Ende der Inkubationszeit aus dem Muskelgewe-be in die Nervenendigungen und breitet sich ausschließlich über die Nervenbahnen zentripetal zum Gehirn aus. Nach der Virusvermehrung im Gehirn findet eine zentrifugale Wande-rung auf Nervenbahnen in periphere Organe, wie Speichel-drüse, Auge und Haut, statt. Die Speicheldrüse ist das primäre Organ für die Virusausscheidung. Die Länge der Inkuba-tionszeit hängt unter anderem von der in die Wunde einge-brachten Virusmenge ab und ist umso länger, je weiter die Bissstelle vom Zentralnervensystem entfernt ist.

Nach einem Biss sollte die Wunde sofort mit Seife gründlich gewaschen werden. Eine post-expositionelle Tollwutimpfung ist in jedem Fall empfohlen wenn die Fledermaus nicht mehr zur Bestimmung und Analyse zur Verfügung steht.

Ohne Behandlung eines Bisses durch eine Tollwut-positive Fledermaus kann die Krankheit nach einer Inkubationszeit von ca. 14 Tagen ausbrechen. Bislang sind in Europa vier menschliche Todesfälle bekannt, die durch Fledermaustollwut hervorgerufen wurden, je zwei durch EBLV 1 und 2. Der letzte Fall ereignete sich 2002 in Schottland (EBLV 2). Eine Übertragung auf  Haustiere wie Katzen und Hunden wurde bis jetzt nicht berichtet. Eine Übertragung auf Haustiere konnte im Tierexperiment bislang nur unter Anwendung sehr hoher Dosen und cerebraler Infektion erfolgen.

Eine prä-expositionelle Impfung gegen das Klassische Tollwutvirus hat bislang in jedem Fall eines späteren Bisses durch eine Tollwut positive Fledermaus gegen die Infektion geschützt.

Für die Bevölkerung ist das Risiko, an Fledermaus-Tollwut durch Biss oder Kratzen zu erkranken, als vernachlässigbar gering einzustufen. Jedoch ist es eher als erhöht einzuschätzen für Personen, die mit Fledermäusen Beruflich oder in ihrer Freizeit umgehen. Ihnen wird die prophylaktische Impfung empfohlen, sowie die Vorgabe, Fledermäuse nur mit Handschuhen anzufassen.

Beim Umgang mit aufgefundenen Fledermäusen
sind immer Handschuhe zu tragen.
Jedoch nicht jede geschwächt aufgefundene Fledermaus muss an Tollwut erkrankt sein. Fledermäuse können unter verschiedenen, spezifischen Krankheiten oder Parasiten erkranken, deren Übertragung auf den Menschen nur selten oder erschwert erfolgt.

Fledermäuse haben unterschiedliche ökologische und biologische Anforderungen an ihre Lebensräume und Quartiere. Alle in Europa vorkommenden Arten sind reine Insektenfresser.

Man unterscheidet Arten, die sommers wie winters in hohlen Bäumen  leben, und solche, die bevorzugt menschliche Gebäude aufsuchen. Diese Arten kommen am ehesten mit Menschen in Berührung. Die Fledermausweibchen beziehen im Sommer die so genannten Wochenstubenquartiere, um dort gemeinsam ihre Junge zu gebären und aufzuziehen. Die Quartiere in Gebäuden befinden sich entweder in Dachräumen oder hinter Verkleidungen oder Verschalungen an Gebäuden. Jedes Weibchen gebiert in der Regel ein Junges pro Jahr. Die Geburt erfolgt nach einer Tragzeit von ca. 5 Wochen. Die Jungen werden ca. 5-6 Wochen gesäugt, dann sind die jungen Fledermäuse flugfähig und auch zu selbständigem Jagen fähig. Nun lösen sich die Weibchengesellschaften auf. Die Männchen leben im Sommer meist solitär. Im Herbst ist die Paarungszeit; die Weibchen werden begattet, bewahren jedoch das Sperma lebensfähig bis zu ihrem nächsten Eisprung nach Beendigung des Winterschlafes auf. Den Winter verbringen alle Fledermäuse in geschützten Quartieren, oft unterirdisch, im Winterschlaf. Zu den Besonderheiten der Fledermäuse gehört die Fähigkeit zur aktiven Anpassung ihrer Körpertemperatur an die Umgebungstemperaturverhältnisse. So senken zum Beispiel nicht tragende Fledermausweibchen oder auch Männchen ihre Körpertemperatur im Sommer während kühler Witterungsperioden ab, um Energie zu sparen. Im Winter kann die Körpertemperatur bis auf wenige Grad über Null absinken. In diesem Zustand sind die Tiere nicht mehr reaktionsfähig; sie können nicht fliegen und sich nur mühsam bewegen. Wird eine Fledermaus in einem solchen lethargischen Zustand aufgefunden, so kann bei unkundigen Personen leicht der Eindruck einer kranken Fledermaus entstehen.

Schutz
Alle Fledermäuse sind nach Saarländischem und Bundesdeutschem Naturschutzgesetz streng geschützt. Das Abkommen zum Schutz der Europäischen Fledermausarten (EUROBATS) hat darüber hinaus noch weitergehende Erlasse zum Schutz der Arten verabschiedet. Darunter auch eine Resolution zum Umgang mit Fledermaustollwut und den standardisierten Testmethoden (siehe link).

Das Töten von Fledermäusen oder das Vertreiben ihrer Kolonien ist in allen Fällen verboten.

Verletzungen
Beim Auffinden einer verletzten oder geschwächten Fledermaus sollte darauf geachtet werden, ob Frakturen an den Flügelknochen vorliegen. In den meisten Fällen werden Fledermäuse gefunden, die nach einer Kollision im Straßenverkehr eine Armfraktur erlitten haben. Diese Frakturen sind nicht heilbar und das Tier sollte eingeschläfert werden. Frakturen der Fingerknochen können unter günstigen Umständen heilen, des weiteren Risse in der Flughaut. Oft werden Fledermäuse, meistens Jungtiere, von Katzen gefangen und ihrem Besitzer gebracht. Diese Fledermäuse haben meist unsichtbare innere Verletzungen sowie Risse der Flughaut. Diese Tiere sollten getränkt und gefüttert werden, um sie weiterhin zu beobachten.

Fledermäuse werden immer nur mit Mehlwürmern gefüttert und mit Wasser getränkt. Andere Nahrungsmittel sind unverträglich und sollten nicht gegeben werden!

Einteilung der Tollwutviren
Die Tollwut wird durch Lyssaviren aus der Familie der Rhabdoviridae verursacht. Derzeit unterscheidet man zwischen sieben Genotypen.

Genotyp 1: Klassisches Tollwutvirus
Genotyp 2: Lagos-Fledermausvirus (LBV)
Genotyp 3: Mokola-Virus (MOKV)
Genotyp 4: Duvenhage-Virus (DUVV)
Genotyp 5 und 6: Europäisches Fledermaus-Lyssavirus (European Bat Lyssavirus = EBLV 1, 2)
Genotyp 7: Australisches Fledermaus-Lyssavirus (ABLV)

EBLV 1 und 2 wurden jeweils nochmals in phylogenetische Linien unterteilt: EBLV 1a und 1 b, EBLV 2 a und 2b. Das Vorkommen von EBLV 1a, b ist bislang in Europa auf die Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus) beschränkt. In Deutschland wurde bislang nur EBLV1a in Breitflügelfledermäusen nachgewiesen, während es z.B. in Frankreich geografisch eingegrenzte Nachweise von EBLV 1 a und b gibt. Die der saarländischen Landesgrenze am nächsten gelegenen Nachweise (Lothringen, Raum Nancy, Toul) betrafen EBLV 1b. Die Typisierung einer im September d.J. aufgefundenen positiven Breitflügelfledermaus aus dem Raum Merzig wird zurzeit am Friedrich-Loeffler-Institut in Wusterhausen durchgeführt. EBLV 2 wird durch die Wasserfledermaus und die nah verwandte Teichfledermaus (Myotis daubentonii und M. dasycneme) übertragen.

Für weitere Informationen:
Dr. Christine Harbusch; Orscholzer Str. 15; 66706 Perl-Kesslingen.
Tel.: 06865 – 93934; email: ProChirop@aol.com

Links für weitere Informationen:

EUROBATS

Med-Vet-Net

Centers For Disease Control And Prevention:  Scottish bats

Centers For Disease Control And Prevention:  Spanish bats

Centers For Disease Control And Prevention:  M. daubentonii

Prä- und Post-expositionelle Tollwutprophylaxe beim Menschen